Israel hält den Frieden als Geisel – eine Kolumne von Klaus Augental

Kolumne: Klaus Augental

Die Welt atmet auf – zumindest für einen Moment. Die Aussicht auf einen Waffenstillstand im Krieg der USA und Israels gegen den Iran wirkt wie eine kurze Pause in einem ansonsten eskalierenden Konflikt. Doch während viele auf Deeskalation hoffen, entsteht ein anderer Eindruck: Israel scheint wenig Interesse daran zu haben, diesen fragilen Frieden tatsächlich zu stabilisieren.

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie brüchig die Grundlage dieses Konflikts ist. Ein Bericht der New York Timeszeichnet nach, wie der israelische Premierminister Binyamin Netanyahu US-Präsident Donald Trump mit einer gezielten Präsentation im Weißen Haus von einem militärischen Vorgehen gegen den Iran überzeugte. Nur einen Tag später warnten amerikanische Geheimdienst- und Militärvertreter vor erheblichen Risiken – insbesondere durch Irans Raketenarsenal und die strategisch bedeutende Straße von Hormus. Doch diese Einwände verhallten offenbar ungehört. Der Vorwurf steht im Raum: Trump hört vor allem das, was er hören will.

Dabei sind die strategischen Ziele keineswegs deckungsgleich. Während Israel offen die Beseitigung des iranischen Regimes anstrebt, formulieren die USA ihre Ziele vorsichtiger: die Eindämmung nuklearer und ballistischer Fähigkeiten sowie die Reduzierung regionaler Einflussnahme Teherans. Diese Differenz ist mehr als ein Detail – sie ist ein Riss im Fundament der Allianz.

Die militärische Realität der vergangenen Wochen spricht eine eigene Sprache. Neben militärischen Einrichtungen wurden auch zentrale Elemente ziviler Infrastruktur ins Visier genommen: Polizeistationen, Ölraffinerien, Verkehrswege – und selbst Krankenhäuser und Universitäten. Forschungseinrichtungen und medizinische Produktionsstätten wurden zerstört, Wissenschaftler getötet. Ziel dieser Angriffe scheint es gewesen zu sein, nicht nur militärische Kapazitäten, sondern auch die gesellschaftliche und wirtschaftliche Substanz des Landes nachhaltig zu schwächen.

Trotz dieser massiven Zerstörung bleibt das erklärte Ziel Israels unverändert: ein politischer Umbruch im Iran. Netanyahu unterstützte den Waffenstillstand nur zögerlich und betonte zugleich, dass Israels Ziele noch nicht erreicht seien. Im eigenen Land wächst die Kritik. Oppositionsführer wie Yair Lapid sprechen von einer „historischen Katastrophe“, Kommentatoren werfen der Regierung vor, zentrale Ziele verfehlt zu haben.

Auch Washington sendet widersprüchliche Signale. Während Trump mit scharfen Drohungen versucht, den Iran an den Verhandlungstisch zu zwingen, zeigen die Entwicklungen vor Ort, wie fragil die Lage ist. Nur wenige Stunden nach der Verkündung des Waffenstillstands kam es zu massiven israelischen Luftangriffen im Libanon – mit über 200 Toten an einem einzigen Tag.

Der Konflikt weitet sich damit weiter aus. Innenpolitischer Druck in Israel, insbesondere mit Blick auf bevorstehende Wahlen, scheint eine Rolle bei der Eskalation an der libanesischen Front zu spielen. Die internationale Gemeinschaft reagiert alarmiert: Europäische Staaten fordern, den Waffenstillstand auf den Libanon auszuweiten. Doch Israel verweist auf anhaltende Bedrohungen durch die Hisbollah und hält sich militärische Optionen offen.

Gleichzeitig bleiben zentrale Streitpunkte ungelöst. Der Iran fordert, dass der Waffenstillstand auch den Libanon einschließt, während die USA und Israel dies ablehnen. Fragen rund um das iranische Atomprogramm, die Kontrolle über die Straße von Hormus und die Aufhebung von Sanktionen sind weiterhin offen.

In Islamabad sollen nun erstmals direkte Gespräche zwischen den USA und dem Iran stattfinden. Ob sie Fortschritte bringen, ist ungewiss. Einerseits wächst der Druck auf die US-Regierung im Vorfeld der Zwischenwahlen, außenpolitische Erfolge vorzuweisen. Andererseits steht für den Iran viel auf dem Spiel: das Überleben des eigenen politischen Systems.

Der Waffenstillstand mag existieren – doch Frieden ist etwas anderes. Solange zentrale Akteure ihre strategischen Ziele über eine nachhaltige Deeskalation stellen, bleibt er nicht mehr als ein fragiles Versprechen.

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