Die Bundesregierung prüft offenbar den Kauf moderner türkischer Langstreckenraketen, nachdem die USA ihre ursprünglichen Pläne zur Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland vorerst gestoppt haben. Im Zentrum der Gespräche stehen die türkische Interkontinentalrakete „Yıldırımhan“ sowie die Hyperschallrakete „Tayfun Block-4“.
Wie die deutsche Zeitung Welt unter Berufung auf EU- und NATO-Diplomaten berichtet, könnten mögliche Vereinbarungen bereits beim NATO-Gipfel im Juli in Ankara öffentlich vorgestellt werden.
Berlin sucht neue Sicherheitsstrategie
Hintergrund der Diskussion ist die wachsende Unsicherheit innerhalb Europas über die langfristige militärische Unterstützung der USA. Nachdem US-Präsident Donald Trump angekündigt hatte, die geplante Stationierung von Tomahawk-Systemen in Deutschland auszusetzen und gleichzeitig Tausende US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen, sucht Berlin nach Alternativen zur Abschreckung Russlands und zur Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeit.
Nach Angaben aus NATO-Kreisen arbeitet Deutschland derzeit an zwei parallelen Strategien:
- Aufbau einer eigenen Tomahawk-Produktion gemeinsam mit US-Rüstungskonzernen
- Prüfung eines direkten Erwerbs türkischer Raketensysteme
Tomahawk-Produktion ab 2028 möglich
Laut den Berichten könnte bereits ab 2028 eine Produktion von Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland anlaufen. Vorbild dafür wäre das bestehende Gemeinschaftsunternehmen COMLOG zwischen dem deutschen Rüstungskonzern MBDA und dem US-Unternehmen RTX (Raytheon), das Patriot-Abfangraketen für die NATO produziert.
Die USA unterstützen diese Pläne offenbar ausdrücklich. Washington verfolgt damit mehrere Ziele:
- Entlastung der eigenen Waffenbestände
- Stärkung der amerikanischen Rüstungsindustrie
- Größere Eigenständigkeit Europas innerhalb der NATO
Vor allem der Krieg zwischen den USA, Israel und Iran hat laut Beobachtern die amerikanischen Raketenlager stark belastet. Dadurch wächst in Europa die Sorge, sich künftig weniger auf amerikanische Waffenlieferungen verlassen zu können.
Türkische Raketen im Fokus der NATO
Parallel dazu rücken türkische Waffensysteme zunehmend in den Mittelpunkt europäischer Sicherheitsplanungen.
Besonders die neue türkische Interkontinentalrakete „Yıldırımhan“ sorgt international für Aufmerksamkeit. Das System wurde erst vergangene Woche auf der Rüstungsmesse SAHA 2026 in Istanbul vorgestellt. Die Rakete soll nach türkischen Angaben eine Reichweite von bis zu 6.000 Kilometern erreichen. Feldtests sind noch für dieses Jahr geplant.
Ebenfalls im Gespräch ist die Hyperschallrakete „Tayfun Block-4“, die vom türkischen Unternehmen Roketsan entwickelt wird. Experten gehen davon aus, dass ihre Reichweite deutlich über 1.500 Kilometern liegen könnte. Einige internationale Militäranalysten sprechen sogar von mehr als 2.000 Kilometern.
Türkei wird zum militärischen Schwergewicht
Die Entwicklungen zeigen, wie stark die türkische Rüstungsindustrie in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Präsident Recep Tayyip Erdoğan verfolgt seit Jahren das Ziel, die Abhängigkeit von westlichen Waffenlieferungen zu reduzieren und die Türkei als eigenständige Militärmacht zu etablieren.
Neben Drohnen, Luftabwehrsystemen und Kampfjets investiert Ankara inzwischen massiv in Langstreckenraketen, Hyperschalltechnologie und sogar Flugzeugträger-Projekte. Experten sehen darin eine langfristige Strategie zur militärischen Eigenständigkeit der Türkei.
Die Türkei verfügt bereits über die zweitgrößte Armee innerhalb der NATO nach den USA. In Sicherheitskreisen gilt Ankara inzwischen als einer der wichtigsten militärischen Akteure Europas und des Nahen Ostens.
Streit um Finanzierung erwartet
Ein möglicher Kauf türkischer Raketen könnte jedoch politischen Widerstand innerhalb der EU auslösen.
Insbesondere Griechenland und Zypern gelten laut den Berichten als Gegner einer Finanzierung über den europäischen SAFE-Verteidigungsfonds.
Deshalb werden derzeit zwei Alternativen diskutiert:
- Ein direktes bilaterales Rüstungsabkommen zwischen Deutschland und der Türkei
- Eine kleinere europäische Koalition unter deutscher Führung zur gemeinsamen Finanzierung türkischer Systeme
Deutschland müsste in beiden Fällen vermutlich den größten Teil der Kosten übernehmen.
Entscheidung möglicherweise beim NATO-Gipfel in Ankara
Noch gibt es laut diplomatischen Quellen keine endgültige Entscheidung. Dennoch verdichten sich die Hinweise, dass ein möglicher deutsch-türkischer Rüstungsdeal beim NATO-Gipfel im Juli in Ankara offiziell angekündigt werden könnte.
