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DEUTSCHLAND UND DIE TÜRKEI: JAHRHUNDERTE VERBUNDEN – DOCH WIE EHRLICH IST DIE POLITISCHE FREUNDSCHAFT WIRKLICH?

Zwischen wirtschaftlicher Partnerschaft, Millionen gemeinsamen Lebensgeschichten und tiefem politischen Misstrauen

Deutschland und die Türkei verbindet weit mehr als eine gewöhnliche diplomatische Beziehung. Die historischen Kontakte reichen Jahrhunderte zurück. Bereits 1761 wurde zwischen dem Osmanischen Reich und Preußen ein Freundschafts- und Handelsvertrag geschlossen. Im 19. Jahrhundert intensivierten sich wirtschaftliche und militärische Kontakte, und im Ersten Weltkrieg standen das Deutsche Kaiserreich und das Osmanische Reich schließlich als Verbündete auf derselben Seite.

Doch die gemeinsame Geschichte endete nicht mit dem Untergang der beiden Kaiserreiche. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten fanden ab 1933 deutsche Wissenschaftler, Akademiker und Fachleute Zuflucht in der Türkei und wirkten dort unter anderem am Aufbau und an der Modernisierung wissenschaftlicher Einrichtungen mit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Verbindung in die andere Richtung weiter.

1961: Türkische Arbeitskräfte werden Teil des deutschen Wirtschaftswunders

Am 30. Oktober 1961 vereinbarten die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer. Deutschland befand sich im Wirtschaftswunder und benötigte dringend Arbeitskräfte.

Hunderttausende Menschen aus der Türkei arbeiteten anschließend in Fabriken, im Bergbau, in der Automobilindustrie, auf Baustellen und in zahlreichen anderen Branchen. Sie kamen damit nicht unmittelbar zum Wiederaufbau Deutschlands nach 1945, wie häufig verkürzt dargestellt wird – das Abkommen wurde erst 1961 geschlossen –, sie leisteten aber einen bedeutenden Beitrag zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik. Die Bundesregierung selbst hat diesen Beitrag ausdrücklich gewürdigt.

Aus den sogenannten „Gastarbeitern“ wurden Nachbarn, Unternehmer, Ärzte, Handwerker, Wissenschaftler, Politiker, Sportler und deutsche Staatsbürger.

Heute leben nach Angaben des Auswärtigen Amtes rund drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Sie bilden eine der wichtigsten menschlichen Brücken zwischen beiden Staaten.

Viele Familien leben inzwischen in der dritten, vierten oder sogar fünften Generation in Deutschland. Ihre Biografien lassen sich längst nicht mehr sauber in „deutsch“ oder „türkisch“ aufteilen.

Wirtschaftlich Partner – politisch immer wieder Gegner?

Gerade deshalb wirkt ein Widerspruch in den deutsch-türkischen Beziehungen besonders deutlich:

Wirtschaftlich sind beide Länder außerordentlich eng miteinander verflochten. Politisch kommt es dagegen seit Jahrzehnten regelmäßig zu schweren Konflikten.

Deutschland bezeichnet die Türkei als wichtigen Partner und NATO-Verbündeten. Noch 2025 sprach das Auswärtige Amt von „besonders vielfältigen und engen Beziehungen“. Deutschland gehört zu den wichtigsten Handelspartnern der Türkei, Tausende deutsche beziehungsweise deutsch-türkische Unternehmen sind dort aktiv.

Nach Angaben des türkischen Außenministeriums erreichte der bilaterale Handel 2025 rund 52 Milliarden US-Dollar.

Auf Regierungsebene wird also von strategischer Partnerschaft gesprochen.

Doch aus türkischer Perspektive stellt sich seit Jahren die Frage:

Warum erlebt Ankara Deutschland gleichzeitig immer wieder als politischen Gegenspieler?

Der PKK-Komplex: Einer der größten Widersprüche der deutschen Türkei-Politik

Besonders empfindlich ist der Umgang Deutschlands mit der PKK.

Dabei muss klar unterschieden werden: Kurdische Bürger, kurdische Organisationen und kurdische politische Interessen sind nicht mit der PKK gleichzusetzen.

Die PKK selbst unterliegt in Deutschland seit dem 22. November 1993 einem Betätigungsverbot. Auch der deutsche Verfassungsschutz führt die Organisation seit Jahrzehnten als Beobachtungsobjekt. (Verfassungsschutz⁠)

Genau daraus entsteht jedoch ein politischer Konflikt.

Türkische Regierungen kritisieren seit Jahren, dass Deutschland einerseits die PKK verbietet, andererseits aber ein politisches Umfeld zulässt, in dem PKK-nahe beziehungsweise Öcalan-bezogene Aktivitäten immer wieder öffentlich sichtbar werden.

Hier treffen allerdings zwei Rechtsprinzipien aufeinander: Deutschland muss das PKK-Verbot durchsetzen, gleichzeitig gelten Versammlungs-, Meinungs- und Demonstrationsfreiheit. Nicht jede kurdische Demonstration und nicht jede Kritik an der türkischen Regierung ist deshalb automatisch eine PKK-Aktivität.

Trotzdem bleibt eine berechtigte politische Frage:

Wie konsequent wird das bestehende PKK-Verbot tatsächlich umgesetzt?

Gerade für die Türkei, die über Jahrzehnte einen blutigen Konflikt mit der PKK erlebt hat, ist dieses Thema keine abstrakte außenpolitische Debatte, sondern eine Frage der nationalen Sicherheit.

Der gescheiterte Putsch von 2016 und der Streit um die Gülen-Bewegung

Ein weiterer massiver Bruch entstand nach dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli 2016.

Die türkische Regierung machte die Bewegung des damals in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Umsturzversuch verantwortlich.

Nach dem Putsch beantragten auch türkische Diplomaten, Militärangehörige und andere Personen in Deutschland Asyl. Bereits 2016 wurde öffentlich bekannt, dass die Türkei deutsche Behörden um Durchsuchungen und Auslieferungen mutmaßlicher Gülen-Anhänger ersucht hatte. (Hürriyet Daily News⁠)

Deutschland folgte den türkischen Forderungen nicht automatisch. Aus deutscher Sicht mussten Asyl- und Auslieferungsverfahren nach deutschem Recht individuell geprüft werden; zudem bestanden erhebliche Bedenken hinsichtlich Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten in der Türkei.

Aus Sicht Ankaras sah die Angelegenheit völlig anders aus:

Menschen, denen die türkische Justiz Beteiligung oder Unterstützung des Putschversuchs vorwarf, konnten sich nach Europa absetzen und dort Schutz beantragen.

Genau an diesem Punkt prallen zwei Rechtsverständnisse und zwei politische Erzählungen frontal aufeinander.

Für Berlin handelt es sich um Rechtsstaatlichkeit und individuelle gerichtliche Prüfung.

Für Ankara lautet die Frage dagegen: Wie würde Deutschland reagieren, wenn Personen, denen Deutschland die Beteiligung an einem militärischen Umsturz vorwirft, anschließend in der Türkei Schutz erhielten?

Diese Frage erklärt einen erheblichen Teil des türkischen Misstrauens gegenüber Berlin.

Erdogan-Kritik auf der einen Seite – strategische Zusammenarbeit auf der anderen

Hinzu kommt der politische Umgang mit Präsident Recep Tayyip Erdoğan.

Deutsche Regierungen und große Teile der deutschen Politik kritisieren seit Jahren unter anderem den Zustand von Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und Opposition in der Türkei.

Auch das Auswärtige Amt bezeichnete die türkische Innenpolitik ausdrücklich als repressiv und verwies unter anderem auf Festnahmen und Ausreisesperren gegen deutsche Staatsangehörige. (Auswärtiges Amt⁠)

Diese Kritik darf in einer demokratischen Außenpolitik selbstverständlich ausgesprochen werden.

Problematisch wird es jedoch dort, wo in der türkischen Öffentlichkeit der Eindruck einer doppelten Sprache entsteht:

In Berlin wird Erdoğan scharf kritisiert – in Ankara sitzt man anschließend gemeinsam am Verhandlungstisch.

Denn Deutschland benötigt die Türkei gleichzeitig als NATO-Partner, Wirtschaftspartner, Migrationspartner und regionalen Machtfaktor.

Noch 2025 bezeichnete das Auswärtige Amt die Türkei ausdrücklich als wichtigen NATO-Verbündeten und zentralen Partner für Stabilität im Nahen Osten und östlichen Mittelmeer. (Auswärtiges Amt⁠)

Damit entsteht zwangsläufig die Frage, ob die deutsche Türkei-Politik immer einer klaren Linie folgt – oder teilweise zwischen Wertepolitik und Realpolitik hin- und herschwankt.

Und dann ist da noch ein dunkles Kapitel: Rechtsterrorismus gegen Menschen türkischer Herkunft

Wer über das deutsch-türkische Verhältnis spricht, darf die Erfahrungen türkischstämmiger Menschen mit rechtsextremer Gewalt in Deutschland nicht ausblenden.

Mölln.

Solingen.

Die NSU-Mordserie.

Der Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße.

Hanau.

Diese Namen haben sich tief in das kollektive Gedächtnis vieler Familien mit Migrationsgeschichte eingebrannt.

Beim rassistischen Brandanschlag von Solingen am 29. Mai 1993 starben fünf Angehörige der Familie Genç. Vier Täter wurden später wegen fünffachen Mordes, 14-fachen versuchten Mordes und besonders schwerer Brandstiftung zu Haft- beziehungsweise Jugendstrafen zwischen zehn und 15 Jahren verurteilt. Der Fall blieb also nicht unaufgeklärt. (bpb.de⁠)

Anders gelagert ist das gesellschaftliche Trauma rund um den NSU.

NSU: Das Versagen kam nicht aus Ankara – sondern aus deutschen Behörden

Die Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ gehört zu den schwersten Kapiteln deutscher Sicherheitsgeschichte.

Neun Unternehmer türkischer beziehungsweise griechischer Herkunft sowie eine deutsche Polizistin wurden ermordet.

Jahrelang ermittelten Behörden teilweise in völlig falsche Richtungen.

Familien der Opfer gerieten selbst in den Fokus von Ermittlungen, während ein rechtsextremistischer Hintergrund lange nicht konsequent erkannt wurde.

Das ist keine Interpretation türkischer Politiker.

Der Deutsche Bundestag selbst dokumentierte das massive Behördenversagen.

Der damalige Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses sprach von einem „multiplen, systemischen Versagen“ von Polizei und Geheimdiensten. Sein Stellvertreter bezeichnete die Vorgänge als „beschämende Niederlage“ der Sicherheitsbehörden. (Deutscher Bundestag⁠)

Auch in Baden-Württemberg stellte ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss später erhebliche Mängel fest. Die Ermittlungsarbeit zum Umfeld des NSU sei grob mangelhaft gewesen; auch gegen das Innenministerium wurden schwere Vorwürfe erhoben. (Deutscher Bundestag⁠)

Das bedeutet nicht, dass sämtliche rechtsextremen Mordfälle an türkischstämmigen Menschen ungeklärt geblieben wären. Das wäre historisch falsch.

Aber es bedeutet, dass Deutschland bei der Aufklärung des NSU-Komplexes Fehler begangen hat, die das Vertrauen vieler Menschen in staatliche Institutionen nachhaltig beschädigten.

Genau hier beginnt die Glaubwürdigkeitsfrage

Deutschland fordert von der Türkei Rechtsstaatlichkeit, demokratische Standards, konsequente Terrorismusbekämpfung und den Schutz politischer Minderheiten.

Diese Forderungen sind legitim.

Aber dieselben Maßstäbe müssen auch für Deutschland selbst gelten.

Wenn deutsche Behörden beim Rechtsterrorismus schwerwiegende Fehler machen, wenn parlamentarische Untersuchungsausschüsse selbst von systemischem Versagen sprechen und wenn gleichzeitig gegenüber Ankara höchste Standards eingefordert werden, entsteht zwangsläufig eine Glaubwürdigkeitsfrage.

Genauso muss Deutschland erklären können, wie ein seit 1993 bestehendes PKK-Betätigungsverbot mit der öffentlichen Wahrnehmung PKK-naher Strukturen zusammenpasst.

Und es muss nachvollziehbar erklären, weshalb türkische Auslieferungsersuchen abgelehnt werden – nicht mit politischen Floskeln, sondern anhand rechtsstaatlicher Kriterien.

Aber auch Ankara muss sich Kritik gefallen lassen

Eine glaubwürdige Betrachtung darf allerdings nicht nur Berlin kritisieren.

Auch die türkische Regierung muss akzeptieren, dass Deutschland nicht jeden politischen Gegner Erdoğans als Terroristen behandeln kann, nur weil Ankara dies verlangt.

Asyl darf nicht aufgrund diplomatischen Drucks verweigert werden.

Auslieferungen dürfen nur auf rechtsstaatlicher Grundlage erfolgen.

Kurdische politische Betätigung darf nicht pauschal mit PKK-Unterstützung gleichgesetzt werden.

Und Kritik an der türkischen Regierung ist nicht automatisch eine feindliche Handlung gegen die Türkei.

Genau diese Differenzierung ist entscheidend.

Zwei Staaten, die sich gegenseitig brauchen

Die vielleicht größte Ironie der deutsch-türkischen Beziehungen besteht deshalb darin, dass beide Länder trotz aller Konflikte kaum voneinander loskommen.

Die wirtschaftliche Verflechtung ist enorm.

Millionen Menschen verbinden beide Gesellschaften.

Die Türkei ist NATO-Mitglied und für Europas Sicherheitsarchitektur, den Nahen Osten, das Schwarze Meer, den Kaukasus und die Migration von strategischer Bedeutung.

Deutschland wiederum ist für die Türkei einer der wichtigsten europäischen Wirtschafts-, Handels- und Investitionspartner.

Noch im Mai 2026 erklärten beide Seiten im Rahmen ihres wiederbelebten strategischen Dialogs, die Zusammenarbeit ausbauen zu wollen. Auf der Agenda standen Wirtschaft, Energie, Verteidigung, Sicherheit und regionale Krisen. (Außenministerium Türkei⁠)

Die Partnerschaft existiert also weiterhin.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr:

Wie viel Vertrauen steckt noch in dieser Partnerschaft?

Eine Freundschaft braucht keine Inszenierung – sondern gleiche Maßstäbe

Deutschland und die Türkei verbindet eine Geschichte, die älter ist als die heutige Bundesrepublik und die moderne Republik Türkei.

Hunderttausende Menschen aus der Türkei haben zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands beigetragen. Millionen ihrer Kinder und Enkel gehören heute selbstverständlich zur deutschen Gesellschaft.

Deutschland und die Türkei handeln miteinander, investieren ineinander, arbeiten innerhalb der NATO zusammen und benötigen einander in zentralen geopolitischen Fragen.

Gerade deshalb reicht es nicht, bei Staatsbesuchen von „Freundschaft“ und „strategischer Partnerschaft“ zu sprechen.

Berlin muss sich kritische Fragen über den Umgang mit türkischen Sicherheitsinteressen, über die konsequente Durchsetzung des PKK-Verbots und über historische Fehler deutscher Sicherheitsbehörden gefallen lassen.

Ankara wiederum muss akzeptieren, dass deutsche Gerichte, Asylbehörden und Medien nicht den politischen Vorgaben der türkischen Regierung folgen können.

Eine deutsch-türkische Freundschaft kann langfristig nur funktionieren, wenn beide Seiten dieselben Regeln auch dann akzeptieren, wenn diese unbequem werden.

Denn eine Partnerschaft zwischen Deutschland und der Türkei darf nicht nur dann beschworen werden, wenn Handel, NATO, Migration oder geopolitische Interessen sie gerade notwendig machen.

Sie muss sich gerade dort beweisen, wo Berlin und Ankara unterschiedlicher Meinung sind.

Nach Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte und Millionen miteinander verbundener Lebensgeschichten wäre es an der Zeit, aus einer strategischen Zweckgemeinschaft eine Beziehung zu machen, in der Kritik offen ausgesprochen wird – aber politische Doppelstandards auf beiden Seiten keinen Platz haben.

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