ISRAEL UND TÜRKEI AUF KOLLISIONSKURS – SYRIEN WIRD ZUM GEFÄHRLICHEN BRENNPUNKT
Die Spannungen zwischen Israel und der Türkei verschärfen sich weiter. Im Mittelpunkt steht Syrien, wo unterschiedliche Sicherheitsinteressen beider Regionalmächte zunehmend unmittelbar aufeinandertreffen.
Netanyahu setzt Ankara eine „rote Linie“
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat deutlich gemacht, dass Israel eine weitere türkische militärische Ausdehnung nach Süden in Syrien nicht akzeptieren will.
Besonders brisant: Netanyahu erklärte, Israel habe seine Position zunächst über die USA und andere Kanäle vermittelt. Weil die Botschaft aus israelischer Sicht nicht ausreichend verstanden worden sei, habe Israel seine Haltung schließlich auch mit militärischen Mitteln demonstriert.
Damit werden israelische Militäraktionen in Syrien zunehmend direkt mit der türkischen Präsenz und den Interessen Ankaras verknüpft.
Neue israelische Militäraktivitäten in Syrien
Zuletzt wurde erneut israelischer Artilleriebeschuss im Süden Syriens gemeldet. Bereits zuvor hatten syrische Medien über israelische Militärfahrzeuge und Soldaten im Raum Quneitra berichtet.
Besonders kritisch war zudem der israelische Angriff auf den syrischen Militärflugplatz Abu al-Duhur, nur rund 60 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt.
Israel befürchtet dort beziehungsweise an anderen Standorten eine stärkere türkische Militärpräsenz und insbesondere Radar- und Luftverteidigungssysteme, welche die israelische Bewegungsfreiheit über Syrien einschränken könnten.
Israels Vorgehen erhöht das Risiko einer direkten Konfrontation
Israel begründet seine Politik mit eigenen Sicherheitsinteressen. Dennoch muss die Strategie kritisch hinterfragt werden.
Militärische Angriffe zur Durchsetzung eigener „roter Linien“ gegenüber einer anderen Regionalmacht bergen ein enormes Eskalationsrisiko.
Ein Angriff auf einen syrischen Standort ist eine Sache. Sollten dabei jedoch irgendwann türkische Soldaten oder türkische militärische Einrichtungen getroffen werden, könnte sich die Lage innerhalb kürzester Zeit fundamental verändern.
Washington will Israel und Türkei auseinanderhalten
Auch für die USA wäre ein direkter Konflikt ein außenpolitischer Albtraum.
Israel gehört zu den wichtigsten Partnern Washingtons. Gleichzeitig ist die Türkei NATO-Mitglied und besitzt große strategische Bedeutung für das Bündnis.
Der amerikanische NATO-Botschafter Matthew Whitaker bezeichnete die Türkei zuletzt ausdrücklich als wichtigen Verbündeten und hob auch die türkische Verteidigungsindustrie hervor.
Washington hat daher ein erhebliches Interesse daran, dass aus der Rivalität in Syrien kein direkter Krieg entsteht.
Und was macht die NATO?
Noch besteht kein NATO-Bündnisfall.
Israel hat weder türkisches Staatsgebiet angegriffen noch gibt es derzeit einen bestätigten direkten militärischen Zusammenstoß zwischen israelischen und türkischen Streitkräften.
Sollte jedoch türkisches Staatsgebiet angegriffen werden, würde sich die Situation grundlegend verändern. Dann könnte innerhalb der NATO die Frage nach Beistand und Artikel 5 auf den Tisch kommen.
Noch kein Krieg – aber eine gefährlich dünne rote Linie
Beide Regierungen erklären bislang, keinen direkten Krieg miteinander zu wollen.
Doch genau darin liegt die Gefahr:
Israel will eine stärkere türkische Militärpräsenz in Syrien verhindern. Die Türkei wiederum will ihre strategischen Interessen in Syrien nicht von Israel bestimmen lassen.
Solange beide Seiten ihre Positionen weiter verhärten und gleichzeitig militärische Operationen stattfinden, wächst das Risiko einer Fehlkalkulation.
Ein getroffenes türkisches Militärfahrzeug, ein abgeschossenes Flugzeug oder getötete türkische Soldaten könnten genügen, um aus der politischen Konfrontation eine direkte militärische Krise zu machen.
Syrien entwickelt sich damit zunehmend zum gefährlichsten Berührungspunkt zwischen Israel und der Türkei – und zu einer Belastungsprobe für Washington und die gesamte NATO.

