Die Spannungen zwischen der Türkei und Israel bleiben hoch. Im Mittelpunkt steht erneut Syrien. Während Ankara seine militärische und sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Damaskus weiter ausbaut, betrachtet Israel eine stärkere türkische Präsenz in Syrien zunehmend als strategische Herausforderung.
Ankara baut Zusammenarbeit mit Syrien aus
Am 3. September traf Syriens Verteidigungsminister Murhaf Abu Qasra in Ankara mit dem türkischen Verteidigungsminister Yaşar Güler zusammen. Das türkische Verteidigungsministerium erklärte gleichzeitig, die Türkei werde Syrien weiterhin beim Aufbau seiner Sicherheitsstrukturen und staatlichen Fähigkeiten unterstützen.
Wie konkret die militärische Kooperation inzwischen ist, zeigt auch ein gemeinsames Projekt am Euphrat: Türkische und syrische Streitkräfte haben Ende August gemeinsam eine schwimmende Brücke in der Provinz Deir ez-Zor fertiggestellt. Offiziell soll sie vor allem den Verkehr und das zivile Leben erleichtern.
Israel sieht türkischen Einfluss mit Sorge
Die Entwicklung ist besonders brisant, weil Israel bereits im August den syrischen Luftwaffenstützpunkt Abu al-Duhur angegriffen hatte. Hintergrund waren israelische Befürchtungen über eine mögliche künftige türkische militärische Nutzung des Standorts. Ankara und Damaskus bestritten entsprechende Stationierungspläne.
Damit entsteht ein grundlegender Interessenkonflikt: Die Türkei will ihre Zusammenarbeit mit der syrischen Regierung ausbauen, während Israel verhindern möchte, dass dadurch seine eigenen Sicherheitsinteressen und seine militärische Handlungsfreiheit in Syrien eingeschränkt werden.
Ankara verschärft den politischen Ton
Parallel wird die Sprache zwischen den Regierungen schärfer. Das türkische Verteidigungsministerium warf Israel am Donnerstag vor, mit seinen Militäroperationen die territoriale Integrität Syriens und des Libanon zu verletzen und die Stabilität der Region zu gefährden. Das sind Vorwürfe der türkischen Regierung, die Israel so nicht teilt.
Interessanterweise gibt es aber auch in Israel Stimmen, die vor einer weiteren Eskalation mit Ankara warnen. Eine aktuelle israelische Analyse unter Bezug auf den ehemaligen Militärgeheimdienstchef Tamir Hayman argumentiert, es könne ein strategischer Fehler sein, die wachsende türkische Macht hauptsächlich als direkte militärische Bedrohung zu betrachten und die Türkei dadurch faktisch zum Gegner zu machen.
Kein direkter Krieg – NATO bleibt außen vor
Trotz der angespannten Situation gibt es derzeit keinen bestätigten direkten militärischen Zusammenstoß zwischen Israel und der Türkei. Es liegen keine belastbaren Meldungen über israelische Angriffe auf türkische Soldaten oder einen türkischen Gegenschlag gegen Israel vor.
Auch ein NATO-Bündnisfall besteht nicht. Artikel 4 oder Artikel 5 wurden wegen dieser Spannungen nicht aktiviert.
Hinzu kommt, dass in sozialen Netzwerken verbreitete Videos angeblicher aktueller Konfrontationen zwischen türkischen und israelischen Kriegsschiffen teilweise irreführend sind. Ein zuletzt stark verbreitetes Video wurde als älteres Material identifiziert.
Syrien bleibt der gefährlichste Berührungspunkt
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Israel und die Türkei bereits Krieg führen – das tun sie nicht.
Problematisch ist vielmehr, dass ihre strategischen Interessen zunehmend auf demselben Gebiet zusammentreffen. Ankara baut seine Zusammenarbeit mit Damaskus aus, während Israel versucht, militärische Entwicklungen in Syrien zu verhindern, die es als Bedrohung betrachtet.
Solange beide Seiten direkte Kommunikationskanäle aufrechterhalten, kann eine Konfrontation vermieden werden. Doch je stärker türkische und israelische Sicherheitsinteressen in Syrien aufeinandertreffen, desto größer wird das Risiko einer Fehlkalkulation.
Syrien entwickelt sich damit zunehmend zu einem Test dafür, ob Israel und die Türkei ihre Rivalität politisch kontrollieren können – oder ob irgendwann ein einzelner militärischer Zwischenfall eine wesentlich größere Krise auslöst.

