NEW YORK – Bei der UN-Generalversammlung kam es während des Auftritts des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu einer demonstrativen Szene: Die israelische Delegation verließ den Sitzungssaal, als Erdoğan seine Rede begann. Andere Delegationen schlossen sich dem Protest nach den vorliegenden Beobachtungen jedoch nicht an.
Damit blieb die demonstrative Wirkung des israelischen Auszugs begrenzt. Während Erdoğan seine Ansprache fortsetzte, blieben die übrigen anwesenden Staatsdelegationen im Saal.
Erdoğan hatte bereits im Vorfeld angekündigt, die Situation im Gazastreifen, die Anerkennung eines palästinensischen Staates und mögliche internationale Maßnahmen gegenüber Israel zu einem Schwerpunkt seiner Rede zu machen. Es war seine 16. Rede vor der UN-Generalversammlung.
Israelischer Protest bleibt isoliert
Der Auszug der israelischen Delegation war vor diesem Hintergrund ein deutliches diplomatisches Signal gegen Erdoğan und dessen scharfe Kritik an der israelischen Regierung.
Bemerkenswert war jedoch vor allem, was anschließend nicht geschah: Andere Staatsdelegationen folgten Israel offenbar nicht aus dem Saal. Sollte mit dem demonstrativen Auszug die Erwartung verbunden gewesen sein, weitere Staaten könnten sich anschließen, erfüllte sich diese jedenfalls nicht.
Politisch lässt sich die Szene deshalb auch als Ausdruck der tiefen diplomatischen Spannungen zwischen Israel und der Türkei lesen – nicht aber automatisch als Beleg dafür, wie die übrigen Staaten Erdoğans Positionen bewerten. Dass Delegationen im Saal blieben, bedeutet nicht zwangsläufig Zustimmung zu seiner Rede.
Fragen um den anschließenden Medienauftritt
Nach dem von Augenzeugen und Medienbeobachtern geschilderten Ablauf äußerten sich Vertreter der israelischen Seite anschließend gegenüber westlichen Medien kritisch über Erdoğan und die Türkei.
Auffällig wirkte dabei, dass Reporter außerhalb bereits auf die Delegation warteten. Daraus allein lässt sich allerdings nicht seriös ableiten, dass der Medienauftritt im Voraus mit bestimmten Sendern abgesprochen worden war. Bei einer UN-Generalversammlung stehen internationale Medien regelmäßig für Reaktionen hochrangiger Delegationen bereit.
Dennoch wirft die Abfolge eine journalistisch interessante Frage auf: War der Auszug lediglich spontaner diplomatischer Protest – oder Teil einer bewusst geplanten Kommunikationsstrategie, mit der Israel unmittelbar auf Erdoğans Rede reagieren wollte?
Für Letzteres wäre eine unabhängige Bestätigung erforderlich.
Erdoğan setzt Rede vor internationalem Publikum fort
Unabhängig von dem israelischen Protest konnte Erdoğan seine Botschaft vor den übrigen Delegationen vortragen. Sein Auftritt war bereits im Vorfeld mit besonderer Spannung erwartet worden. Türkische Stellen hatten angekündigt, dass Gaza und die Forderung nach internationalem Handeln gegenüber Israel zentrale Punkte darstellen würden.
Die Szene zeigt damit vor allem, wie tief die Beziehungen zwischen Ankara und der israelischen Regierung inzwischen belastet sind.
Der Versuch, durch das Verlassen des Saales ein sichtbares Zeichen gegen Erdoğan zu setzen, erzeugte Aufmerksamkeit. Gleichzeitig blieb Israel bei diesem Protest nach dem bislang bekannten Ablauf allein.
Am Ende entstand damit ein Bild mit gegensätzlicher Wirkung: Die israelische Delegation verließ demonstrativ den Saal – Erdoğan blieb am Rednerpult und sprach weiter vor den Delegationen der Vereinten Nationen.

