Berlin/Baku, 18. Oktober 2026. Die Beziehungen zwischen der Türkei und Aserbaidschan erleben öffentliche Spannungen. Streit über Kopftuchbeschränkungen an Schulen und unterschiedliche Positionen gegenüber Israel belasten das Verhältnis. Ein Bruch zwischen den engen Verbündeten ist bislang jedoch nicht erkennbar.
Kopftuchstreit löst gegenseitige Vorwürfe aus
Auslöser der jüngsten Auseinandersetzung sind neue aserbaidschanische Schulbekleidungsvorschriften. Dabei ist eine Unterscheidung entscheidend: Die Regelungen nennen das Kopftuch nicht ausdrücklich. Nach Medienberichten wurden sie an einigen Schulen dennoch so umgesetzt, dass Schülerinnen mit Kopftuch keinen Zugang zum Unterricht erhielten.
Oktay Saral, ein hochrangiger Berater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, kritisierte die Einschränkungen und verlangte eine Korrektur. Aserbaidschans Regierungspartei YAP wies diese Äußerungen am 13. Oktober als unverantwortliche Einmischung zurück. Das Prinzip „Eine Nation, zwei Staaten“ berechtige keinen der Partner, dem anderen politische oder weltanschauliche Vorstellungen aufzuzwingen.
Die besonders deutliche, unmittelbar gegen türkische Kritik gerichtete Stellungnahme stammt damit nachweislich von der Regierungspartei. Die zugespitzte Formulierung, Aliyev habe Ankara persönlich aufgefordert, „sitzen zu bleiben“ und sich herauszuhalten, lässt sich anhand der geprüften Quellen nicht als wörtliches Zitat bestätigen.
Israelpolitik macht Unterschiede sichtbar
Auch Aserbaidschans Beziehungen zu Israel sorgen für Kritik in der Türkei. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Anadolu blieb die aserbaidschanische Delegation während Benjamin Netanyahus Rede vor der UN-Generalversammlung am 24. September im Saal, während zahlreiche andere Delegationen hinausgingen. Daraus allein lässt sich allerdings keine gegen die Türkei gerichtete Absicht ableiten.
Am 14. Oktober traf Aliyev in Baku den israelischen Staatspräsidenten Isaac Herzog. Beide Seiten bestätigten Gespräche über ihre bilateralen Beziehungen; die israelische Präsidentschaft sprach von einer Vertiefung der strategischen Partnerschaft. Eine pauschale Zusicherung Aliyevs, sämtliche politischen oder militärischen Schritte Israels zu unterstützen, geht aus diesen Mitteilungen nicht hervor.
Türkische Unterstützung begründet hohe Erwartungen
Die Türkei unterstützte Aserbaidschan im Krieg um Bergkarabach 2020 politisch und durch Rüstungslieferungen, darunter Drohnen. Eine direkte Beteiligung regulärer türkischer Kampftruppen sollte jedoch nicht als gesicherte Tatsache dargestellt werden: Ankara bestritt eine unmittelbare Kampfbeteiligung.
Diese Unterstützung erklärt die hohen Solidaritätserwartungen in Teilen der türkischen Öffentlichkeit. Sie bedeutet aber keine automatische Übereinstimmung beider Staaten in sämtlichen außenpolitischen Fragen.
Fidan setzt auf direkte Gespräche
Am 15. Oktober empfing Aliyev Außenminister Hakan Fidan. Nach Angaben der aserbaidschanischen Präsidentschaft wurden die jüngsten Entwicklungen im bilateralen Verhältnis erörtert. Fidan plädierte öffentlich dafür, Differenzen im Gespräch zu klären und sie nicht für Kampagnen in sozialen Medien zu nutzen. Eine konkrete Einigung im Schulstreit wurde nicht bekannt gegeben.
Die Entwicklungen sprechen somit für eine ernsthafte politische Verstimmung. Für die weitergehende Behauptung, Ankara und Baku hätten ihre strategische Partnerschaft aufgegeben, fehlen bislang belastbare Belege.

