
Ein friedliches Leben, das in Sekunden zerbrach
Bevor der Krieg begann, war unser Leben in der Ukraine ruhig. Politisch stabil, der Alltag geprägt von Arbeit, Familie und Zukunftsplänen. Wir lebten in einem freien Land, niemand wurde unterdrückt, niemandem wurden seine Rechte genommen. Auch die russischsprachige Bevölkerung konnte ihre Sprache ohne Einschränkungen nutzen. Und doch begann der Krieg – unerwartet und unbegreiflich.
„Wir wachten von einer Explosion auf“
Am Morgen des 24. Februar riss uns ein gewaltiger Knall aus dem Schlaf. Im ersten Moment verstand ich nicht, was geschehen war. Das Telefon klingelte, meine Familie rief mich panisch an: „Der Krieg hat begonnen!“ Ich erstarrte. Was sollte ich tun? Wohin sollte ich gehen? Meine Gedanken kreisten um meine Kinder – ich musste sie in Sicherheit bringen.
Ohne lange zu überlegen, schnappte ich eine Tasche, doch in der Eile griff ich zur falschen. Erst viel später bemerkte ich den Irrtum, aber inmitten des Chaos spielte es keine Rolle mehr. Wir stiegen ins Auto und fuhren los – unser Ziel war das Haus meiner Schwester, zehn Kilometer außerhalb von Kiew, in Belogorodka bei Gostomel. Doch auch dort gab es keine Sicherheit. Die Explosionen dröhnten in der Ferne, manchmal näher, manchmal weiter weg. Angst lag in der Luft, sie war fast greifbar.
Videojournalist::Bedii Selvi
Leben im Schutzraum – ein endloser Kreislauf aus Angst
Die Tage vergingen in einem endlosen Rhythmus aus Warten und Flucht. Wir legten uns nicht schlafen, ohne vollständig angezogen zu sein. Eine Dusche zu nehmen, schien unvorstellbar – was, wenn in diesem Moment eine Bombe fiel? Alle zwei bis drei Stunden rannten wir in den Keller, eingehüllt in Decken, die uns vor der eisigen Kälte schützen sollten. Doch die Kälte war nicht das Schlimmste – es war das Warten. Das Warten auf die nächste Explosion, auf die nächste Flucht, auf das Ende dieser Hölle.
Immer mehr Menschen kamen ins Haus meiner Schwester. Die Männer hielten draußen Wache, aber selbst in den vier Wänden fühlten wir uns nicht sicher. Die Fenster zitterten, manchmal schien es, als würde das ganze Haus beben.
„Das Haus erzitterte – wir mussten weg“
Eines Nachts, gegen drei Uhr morgens, erschütterte eine besonders heftige Explosion das Haus. Es war der Moment, in dem wir wussten: Wir können nicht länger bleiben. In aller Eile packten wir unsere wenigen Habseligkeiten und verließen das Dorf.
Unsere Flucht führte uns hundert Kilometer weiter, in ein verlassenes Haus, das Verwandten des Mannes meiner Schwester gehörte. Es war klein, ohne Heizung, seit Jahren unbewohnt. Aber wir sagten uns, dass wir hier zumindest in Sicherheit wären.
Doch die Bedingungen waren erbärmlich. Fünfzehn Menschen auf engstem Raum, kein Bett, keine Vorräte. Wir gingen auf den Markt im Dorf und kauften, was wir konnten. Nachts schliefen wir auf dem kalten Boden, unsere Mäntel dienten als Kissen. Das Haus war eher eine Sommerhütte als ein richtiger Wohnort. Aber es war alles, was wir hatten.
„Wie lange wird dieser Krieg dauern?“
In den ersten Tagen klammerten wir uns an die Hoffnung, dass es bald vorbei sein würde. „Haltet zwei Tage durch, dann kommt Hilfe“, sagten sie. Aber zwei Tage vergingen. Dann drei. Eine Woche. Und es wurde nur schlimmer.
Ich versuchte mir einzureden, dass es bald vorbei sein würde, doch tief in mir wusste ich es besser. Putin würde nicht aufgeben, nicht nachgeben. Ich fürchtete, dass sich dieser Krieg monatelang hinziehen würde – vielleicht sogar Jahre.
Am meisten sorgte ich mich um mein Kind. Was würde aus seiner Zukunft werden? Ich konnte keinen Plan fassen, keinen Gedanken an Morgen verschwenden. Mein einziger Wunsch war es, eine Nacht ohne Angst zu schlafen, eine warme Mahlzeit zu genießen, mein Kind ohne Explosionen im Hintergrund zur Ruhe kommen zu lassen.
„Ich will zurück in mein Land“
Vor dem Krieg war mein Leben anders. Ich hatte eine Arbeit, ein Zuhause, Zukunftspläne. Ich war Verkaufsberaterin für Mercedes-Benz Nutzfahrzeuge. Unsere Firma zahlte uns die Gehälter im Voraus, doch keiner wusste, ob es eine Zukunft für unser Geschäft gab.
Ich will arbeiten, will mein eigenes Geld verdienen – aber am allermeisten will ich in mein eigenes Land zurückkehren, wenn dieser Wahnsinn endlich vorbei ist. Ich brauche keine „Hilfe“ von Putin. Ich brauche nur Frieden.
„Ich bitte um Hilfe aus Deutschland“
Nun bin ich hier, in einem fremden Land, ohne Plan, ohne Perspektive. Ich weiß nicht, wie lange ich hier bleiben kann, wie lange mein Geld reichen wird. Die Gehälter in der Ukraine sind nichts im Vergleich zum Leben in Deutschland.
Ich werde zum Konsulat gehen und um Hilfe bitten. Vielleicht gibt es ein soziales Programm, das mich unterstützt. Vielleicht gibt es eine Lösung für die ersten Monate. Ich spreche kein Deutsch, ich weiß nicht, wie ich mich hier zurechtfinden soll. Aber ich weiß, dass ich Hilfe brauche.
Wie lange wird dieser Krieg dauern? Einen Monat? Sechs Monate? Zwei Jahre? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass meine Hoffnung ist, eines Tages nach Hause zurückzukehren.
Ein Land voller Angst, Familien auf der Flucht – das sind die ersten Tage des Krieges. Keiner weiß, wann es endet. Doch alle haben denselben Wunsch: In Frieden zu leben.
von Mustafa Eksi