HANAU/BERLIN – Sechs Jahre nach dem rechtsterroristischen Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020, bei dem neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen wurden und ein weiteres Opfer im Januar 2026 an den Spätfolgen starb, zieht Deutschland eine überwiegend ernüchternde Bilanz: Die Tat ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt, die Dimension antimuslimischer Gewalt bleibt umstritten – und viele Betroffene fühlen sich vom Staat im Stich gelassen.
Stillstand bei Aufklärung und staatlicher Reaktion
Sechs Jahre nach dem Anschlag halten Hinterbliebene, Überlebende und Expert*innen fest, dass zentrale Fragen zur Tatnacht und zum Umfeld des Täters offen sind – trotz wiederholter Zusagen staatlicher Stellen. Offiziell spricht die Politik von einem „verwirrten Einzeltäter“, doch kritische Stimmen und unabhängige Recherchen weisen auf mögliche rechte Netzwerke und strukturelles Wegsehen hin.
Ein 2023 erstellter Regierungsbericht zur antimuslimischen Feindseligkeit zeigte, wie verbreitet Ressentiments gegen Muslime und Menschen mit „sichtbarer“ Migrationserfahrung sind – doch konkrete, dauerhaft wirkende politische Maßnahmen blieben weitgehend aus.
Das Gedenken wird vielerorts bewusst zurückhaltend begangen, etwa als stilles Erinnern an den Tatorten in Hanau – größere Gedenkveranstaltungen sind erst für spätere Jahrestage geplant.
«Say Their Names»: Gesellschaftlicher Protest und Forderungen
Zivilgesellschaftliche Initiativen wie die Initiative 19. Februar Hanau organisieren Demonstrationen und Mahnwachen, um die Erinnerung wachzuhalten und weitergehende Aufklärung zu fordern. Auch in Städten wie Frankfurt, Offenbach oder Heidelberg gab es Gedenkveranstaltungen und kulturelle Beiträge als Mahnung gegen Rassismus und Rechtsextremismus.
Kritiker*innen bemängeln, dass Behörden und Sicherheitsinstitutionen ihre „Bringschuld“ zur Aufklärung nicht erfüllt hätten und dass betroffene Familien oft selbst forschen müssten, um Versäumnisse von Polizei und Behörden aufzudecken.
Rechtsextreme Gewalt in Deutschland: Längsschnitt der Gewalt im Kontext
Der Anschlag von Hanau reiht sich ein in eine lange, blutige Geschichte rassistisch motivierter Gewalt in Deutschland. Besonders die türkischstämmige Community war mehrfach Ziel rechter und rassistischer Attacken:
• Brandanschläge auf türkische Familien:
- Der 1992er Mölln-Anschlag: Zwei neofaschistische Täter setzten Wohnhäuser türkischer Familien in Mölln in Brand – drei Menschen starben, neun wurden verletzt.
- Der 1993er Solingen-Anschlag: Neo-Nazis zündeten ein Haus mit türkischer Familie an; fünf Menschen, darunter Kinder, wurden getötet, viele verletzt.
- Der 2024er Brandanschlag in Solingen: Ein 39-jähriger Täter setzte ein Gebäude in Solingen in Brand; vier Personen einer bulgarisch-türkischen Familie starben, mehr als 20 wurden verletzt. Laut Gericht ein rechtsextremer Täter – ein offizielles rassistisches Motiv wurde zwar nicht festgestellt, doch Familien und Aktivist*innen diskutieren dies weiter.
• NSU-Mordserie: Zwischen 2000 und 2007 ermordete die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) überwiegend türkisch-stämmige Kleinunternehmer in verschiedenen deutschen Städten – insgesamt 10 Menschen wurden getötet.
Diese Beispiele stehen stellvertretend für die anhaltende Gewalt, die auch in den offiziellen Statistiken oft erst nach Jahren und nach Druck zivilgesellschaftlicher Initiativen als rassistisch motiviert erkannt wurde.
Politische Debatte: Begrifflichkeit, Antimuslimischer Rassismus und Zukunft
Ein zentraler Streitpunkt in der öffentlichen Debatte ist die Benennung der Tat und ihrer Ursachen: Einige Fachleute fordern, antimuslimische Motive expliziter zu benennen, um die spezifische Gewalt gegen muslimisch wahrgenommene Menschen sichtbarer zu machen.
Politisch wächst der Druck, sich nicht nur an Einzeltaten abzuarbeiten, sondern eine umfassende, strukturelle Auseinandersetzung mit Rassismus, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu führen – und dabei die Perspektiven der Betroffenen ernst zu nehmen.
Fazit: Sechs Jahre nach Hanau ist Deutschland bei der Aufarbeitung rassistischer Gewalt gespalten: Gedenken findet statt, zivilgesellschaftlicher Protest ist lebendig – doch viele Betroffene sehen weiterhin „Lücken in Aufklärung, Anerkennung und politischer Konsequenz“. Die Diskussion um antimuslimische Gewalt setzt sich fort, genauso wie die Erinnerung an frühere rassistische Brandanschläge und Morde, die bis heute nachwirken.


