
Die Spannungen zwischen der Türkei und Israel haben nach der UN-Generalversammlung eine neue politische Stufe erreicht. Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu greifen sich inzwischen öffentlich und persönlich an. Gleichzeitig bleibt Syrien der gefährlichste militärische Berührungspunkt zwischen beiden Staaten.
Erdoğan reagiert auf Netanyahu
Netanyahu hatte bei seiner UN-Rede die Türkei und Erdoğan scharf angegriffen. Er bezeichnete Erdoğan als „Tyrannen“, warf Ankara die Unterstützung beziehungsweise Beherbergung von Hamas-Funktionären vor und kritisierte die Türkei unter anderem wegen Zypern. Die türkische Regierung wies die Anschuldigungen anschließend als unbegründet zurück.
Erdoğan legte seinerseits nach. In einem aktuellen Interview widersprach er der israelischen Darstellung, wonach die Türkei zunehmend eine Bedrohung für Israel darstelle. Ankara habe erhebliche Meinungsverschiedenheiten mit der israelischen Regierung, wolle daraus aber keinen direkten militärischen Konflikt entstehen lassen.
Damit stehen sich zwei gegensätzliche Sicherheitsvorstellungen gegenüber: Israel betrachtet den wachsenden türkischen Einfluss in der Region mit Sorge, während Ankara die israelischen Militäroperationen insbesondere in Syrien als Gefahr für die regionale Stabilität bezeichnet.
Syrien bleibt der gefährlichste Punkt
Hinter dem politischen Schlagabtausch steckt ein konkreter militärischer Konflikt.
Die Türkei baut ihren politischen und sicherheitspolitischen Einfluss in Syrien aus. Israel wiederum will verhindern, dass türkische Streitkräfte ihre militärische Infrastruktur weiter in Richtung Zentral- und Südsyrien ausdehnen.
Wie ernst dieser Konflikt inzwischen ist, zeigte der israelische Angriff auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt Abu al-Duhur am 18. August. Israel erklärte, damit eine mögliche türkische militärische Stationierung verhindern zu wollen. Der US-Sondergesandte Tom Barrack warnte damals vor dem realen Risiko einer direkten israelisch-türkischen Konfrontation.
Genau hier liegt weiterhin das größte Eskalationsrisiko: Sollte bei einem zukünftigen israelischen Angriff tatsächlich türkisches Militär getroffen werden – oder türkische Luftverteidigung ein israelisches Flugzeug angreifen –, könnten beide Regierungen unter erheblichen Druck geraten, militärisch zu reagieren. Experten sehen deshalb Fehlkalkulationen als größere unmittelbare Gefahr als einen bewusst geplanten Krieg.
NATO bislang nicht unmittelbar betroffen
Trotz der scharfen Rhetorik gibt es weiterhin keinen bestätigten direkten Krieg zwischen Israel und der Türkei.
Es gibt derzeit keinen belastbaren Bericht über einen neuen israelischen Angriff auf türkische Soldaten, keinen türkischen Gegenschlag gegen Israel und keine Aktivierung von NATO-Artikel 4 oder Artikel 5.
Die NATO-Frage würde insbesondere dann politisch brisant, wenn türkisches Staatsgebiet angegriffen würde. Bei türkischen Streitkräften außerhalb des NATO-Gebiets, etwa in Syrien, wäre die rechtliche und politische Situation wesentlich komplexer.
Zwischen Abschreckung und Diplomatie
Bemerkenswert ist deshalb der Widerspruch der aktuellen Situation:
Politisch sprechen Erdoğan und Netanyahu inzwischen außergewöhnlich scharf gegeneinander. Militärisch versuchen beide Seiten bislang dennoch, die Schwelle zum direkten Krieg nicht zu überschreiten.
Die Türkei möchte ihren Einfluss auf die zukünftige Ordnung Syriens sichern. Israel will gleichzeitig verhindern, dass sich eine militärisch starke Türkei dauerhaft näher an seinem unmittelbaren Sicherheitsraum etabliert.
Damit geht es längst nicht mehr nur um persönliche Spannungen zwischen Erdoğan und Netanyahu.
Es geht um die Frage, wer die zukünftige Sicherheitsordnung in Syrien und im östlichen Mittelmeer entscheidend mitbestimmen wird.
Solange israelische und türkische Streitkräfte nicht unmittelbar aufeinandertreffen, bleibt die Auseinandersetzung ein strategisches Kräftemessen. Doch je näher ihre militärischen Interessen zusammenrücken, desto größer wird die Gefahr, dass irgendwann nicht eine politische Entscheidung, sondern ein einziger militärischer Zwischenfall die nächste Eskalationsstufe auslöst.




