Politik

TÜRKISCHE RELIGIONSNETZWERKE IN DEUTSCHLAND: Wie mächtig sind Menzil, İsmailağa und Süleymancılar?

Moscheen, Bildungsvereine, Unternehmen und religiöse Autorität – drei weitgehend unterschiedliche Netzwerke werfen Fragen nach Transparenz und Einfluss auf

Deutschland ist für religiöse und gesellschaftliche Organisationen mit Wurzeln in der Türkei längst nicht mehr nur ein Ort der Diaspora. Über Jahrzehnte sind Moscheevereine, Bildungszentren, Jugendorganisationen, soziale Einrichtungen, Unternehmen und religiöse Netzwerke entstanden, die teilweise weit über die Bundesrepublik hinausreichen.

Zu den weniger intensiv öffentlich diskutierten Strömungen gehören die Menzil-Gemeinschaft, die İsmailağa-Gemeinschaft sowie das gewöhnlich als „Süleymancılar“ bezeichnete Netzwerk, dessen bedeutendste institutionelle Struktur in Deutschland der Verband der Islamischen Kulturzentren, VIKZ, ist.

Alle drei haben religiöse Wurzeln im türkischen sunnitischen Islam und sind historisch mit der Tradition der Naqschbandiyya verbunden. Dennoch unterscheiden sie sich erheblich hinsichtlich Organisation, politischem Auftreten, Größe und Verhältnis zum deutschen Staat.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht einfach, ob diese Gemeinschaften „gefährlich“ sind. Entscheidend ist vielmehr: Wie transparent sind ihre Hierarchien und Finanzströme? Wie groß ist ihr gesellschaftlicher Einfluss? Wo enden Religionsfreiheit und Vereinsautonomie – und wo beginnt möglicherweise politischer oder sozialer Druck?

Menzil: Ein weit verzweigtes religiös-wirtschaftliches Netzwerk

Die Menzil-Gemeinschaft hat ihre Wurzeln in der Türkei und entwickelte über Jahrzehnte eine Struktur, die religiöse Führung mit sozialen, wirtschaftlichen und medialen Einrichtungen verbindet.

Nach dem Tod des langjährigen geistlichen Führers Abdülbaki Erol im Jahr 2023 kam es zu einer Aufteilung beziehungsweise einem Machtkampf zwischen seinen Söhnen. Daraus entstanden beziehungsweise verstärkten sich unterschiedliche Lager, insbesondere rund um Semerkand und Serhendi.

Zur Menzil-Welt werden in der Türkei beziehungsweise ihrem Umfeld unter anderem Stiftungen, Hilfsorganisationen, Medienunternehmen, Verlage, Reiseunternehmen und Unternehmernetzwerke gezählt. Eine wissenschaftliche Untersuchung von 2026 beschreibt beispielsweise Semerkand, Beşir und Serhendi als Teile beziehungsweise Abspaltungen dieses breiteren institutionellen Umfelds.

Deutschland spielt für dieses Netzwerk eine wichtige Rolle.

Als bedeutender europäischer Standort gilt Castrop-Rauxel in Nordrhein-Westfalen. Dort reichen registrierte Aktivitäten bis in die 1980er-Jahre zurück. Neben religiösen Strukturen bestanden beziehungsweise bestehen an derselben Adresse auch geschäftliche Aktivitäten, beispielsweise im Reise- und Handelsbereich. Nach Recherchen von DW wird Castrop-Rauxel als europäisches Zentrum der Gemeinschaft beschrieben. Auch Anhänger aus Belgien und den Niederlanden besuchen die dortigen Einrichtungen.

Nach Einschätzung des Religionssoziologen Rauf Ceylan verfügt Menzil über eine bemerkenswert ausgebaute internationale Organisation und in der Türkei über beträchtliche wirtschaftliche Strukturen. Zugleich tritt die Gemeinschaft in Deutschland politisch wesentlich zurückhaltender auf als manche andere türkischstämmige Organisation. (DW Amp⁠)

Wie funktioniert die Hierarchie?

Im Zentrum steht traditionell die spirituelle Autorität des religiösen Führers. Darunter entwickelt sich ein Netzwerk aus regionalen Vertrauenspersonen, religiösen Einrichtungen, Vereinen sowie sozialen und wirtschaftlichen Organisationen.

Gerade diese Kombination macht solche Gemeinschaften schwer mit klassischen Verbänden zu vergleichen. Ein Moscheeverein kann rechtlich vollständig selbstständig sein, während religiöse Loyalität und persönliche Netzwerke trotzdem über nationale Grenzen hinweg funktionieren.

Der Machtkampf nach dem Tod Abdülbaki Erols zeigte diese Verbindung deutlich: Auseinandersetzungen zwischen Semerkand- und Serhendi-Anhängern erreichten auch Deutschland. 2024 kam es beispielsweise in Stuttgart zu Streit um die Nutzung einer Einrichtung, bei dem schließlich die Polizei hinzugezogen wurde.

İsmailağa: Anders als häufig behauptet tatsächlich im Blick des Verfassungsschutzes

Bei İsmailağa muss eine verbreitete Annahme korrigiert werden.

Die Gemeinschaft ist nicht völlig außerhalb des Radars deutscher Sicherheitsbehörden.

İsmailağa wird beziehungsweise wurde in deutschen Verfassungsschutzberichten unter der Bezeichnung IAC – İsmail Ağa Cemaati im Umfeld der Milli-Görüş-Bewegung behandelt.

Bereits der Verfassungsschutzbericht 2020 beschreibt die IAC ausdrücklich als Teil des Naqschbandiyya-Umfelds und verweist auf ihre ideologische Verbindung zur Milli-Görüş-Tradition. (Bundesamt für Verfassungsschutz⁠)

Recherchen von DW zufolge wird İsmailağa seit 2014 in entsprechenden deutschen Verfassungsschutzkontexten genannt. Anders als klassische Großverbände verfügt die Bewegung in Deutschland allerdings nicht über eine leicht erkennbare zentrale Bundesstruktur. Prediger und Anhänger treten teilweise innerhalb anderer Moscheestrukturen oder Vereine auf.

Genau das erschwert die Beurteilung.

Eine Organisation kann gesellschaftlichen Einfluss besitzen, obwohl es keinen Bundesverband mit einem eindeutig erkennbaren Hauptquartier und einer öffentlich dokumentierten Mitgliederliste gibt.

Nähe zur Milli-Görüş-Tradition

Das Bundesamt für Verfassungsschutz bewertet die Milli-Görüş-Bewegung weiterhin als die mit Abstand größte sunnitisch-islamistische Strömung Deutschlands. Dabei unterscheidet das Amt allerdings deutlich zwischen einzelnen Vereinigungen und deren Entwicklung. Bei der IGMG beispielsweise seien extremistische Bezüge in den vergangenen Jahren schwächer geworden. (Bundesamt für Verfassungsschutz⁠)

Die Einordnung von İsmailağa erfolgt deshalb vor allem über ideologische Zusammenhänge – nicht aufgrund der bloßen Tatsache, dass es sich um eine konservativ-islamische Gemeinschaft handelt.

Süleymancılar und VIKZ: Das größte institutionelle Netzwerk der drei Gruppen

Von den drei untersuchten Strömungen besitzt das Süleymancılar-Umfeld in Deutschland wahrscheinlich die sichtbarste institutionelle Infrastruktur.

Der Verband der Islamischen Kulturzentren e.V. – VIKZ besteht in Deutschland seit den frühen 1970er-Jahren.

Nach aktuellen Angaben des Verbandes gehören ihm bundesweit rund 300 lokale Gemeinden an. Diese sind in neun Landesverbänden organisiert. Der VIKZ betont selbst, dass seine örtlichen Vereine rechtlich selbstständig und gemeinnützig seien und sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung Deutschlands verpflichteten. (vikz.de⁠)

Damit besitzt das Netzwerk eine Infrastruktur, die weit über einen einzelnen Moscheeverein hinausgeht.

Moscheen, religiöse Bildung, Kinder- und Jugendarbeit, Internats- beziehungsweise Wohnangebote und lokale Kulturvereine schaffen dauerhafte soziale Bindungen.

Das neue Großprojekt in Köln

Besondere Aufmerksamkeit erhält derzeit ein neuer VIKZ-Komplex in Köln.

Nach Angaben von DW soll der Campus rund 12.600 Quadratmeter Nutzfläche umfassen. Vorgesehen sind unter anderem Gebetsräume, Bildungs- beziehungsweise Medresenbereiche, Verwaltung, Büros, Gewerbeflächen, Gästeunterkünfte, Wohn- beziehungsweise Internatsbereiche und Veranstaltungsräume.

Die Kosten werden mit ungefähr 70 Millionen Euro angegeben. Laut VIKZ erfolgt die Finanzierung über Mitgliedsbeiträge, Spenden und Kredite. Ein erster Gebäudeteil wurde im Juli 2026 eröffnet.

Eine solche Investition zeigt: Die wirtschaftliche und organisatorische Leistungsfähigkeit des Verbandes ist erheblich.

Sie beweist jedoch für sich genommen weder illegale Finanzierung noch politische Einflussnahme.

Neue Entwicklung in der Türkei: Ermittlungen gegen die Süleymancılar-Führung

Seit August 2026 erhält die Frage nach Finanzstrukturen zusätzliche Brisanz.

Die türkische Staatsanwaltschaft leitete Mitte August eine großangelegte Untersuchung gegen ein Netzwerk um Alihan Kuriş ein, der als führende Persönlichkeit der Süleymancılar gilt.

Bei mehreren Ermittlungswellen wurden zahlreiche Verdächtige festgenommen beziehungsweise in Untersuchungshaft genommen. Zu den Vorwürfen gehören nach Angaben der türkischen Ermittlungsbehörden unter anderem Geldwäsche, Betrug, Steuerdelikte sowie die Bildung beziehungsweise Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung.

Kuriş und weitere Beschuldigte gelten bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig.

Die Ermittlungen wurden inzwischen mehrfach ausgeweitet. Noch am 29. August 2026 berichtete die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu über eine weitere Ermittlungswelle, bei der 35 von 37 vorgeführten Verdächtigen in Untersuchungshaft genommen wurden. (Anadolu Ajansı⁠)

Der türkische Justizminister betonte gleichzeitig, die Ermittlungen richteten sich nach Darstellung der Behörden nicht gegen eine religiöse Glaubensgemeinschaft als solche, sondern gegen mutmaßliche finanzielle Straftaten.

Damit stellt sich auch für Deutschland eine legitime Frage: Gibt es Verbindungen zwischen den in der Türkei untersuchten Finanzstrukturen und europäischen Einrichtungen?

Dafür liegen bislang keine ausreichenden öffentlichen Belege vor. Die bloße religiöse oder historische Nähe des VIKZ zum Süleymancılar-Umfeld reicht nicht aus, um deutsche Vereine mit den strafrechtlichen Vorwürfen in der Türkei gleichzusetzen.

Wie finanzstark sind diese Gemeinschaften?

Hier beginnt eines der größten Transparenzprobleme.

Für Menzil und İsmailağa existiert keine verlässliche öffentlich zugängliche Gesamtbilanz ihres Vermögens in Deutschland oder Europa.

Selbst die Zahl ihrer Anhänger lässt sich nur schwer seriös bestimmen.

Religiöse Gemeinschaften dieser Art besitzen nicht zwingend eine klassische Mitgliedschaft. Ein Anhänger kann regelmäßig religiöse Veranstaltungen besuchen, spenden oder einem geistlichen Führer folgen, ohne Mitglied eines zentralen Vereins zu sein.

Beim VIKZ ist die institutionelle Struktur wesentlich transparenter. Rund 300 angeschlossene Gemeinden und ein 70-Millionen-Euro-Großprojekt zeigen erhebliche Mobilisierungs- und Finanzkraft.

Trotzdem darf daraus kein Gesamtvermögen der Süleymancılar abgeleitet werden.

Können solche Netzwerke die türkischstämmige Bevölkerung beeinflussen?

Ja – aber dieser Einfluss ist überwiegend sozial, religiös und kulturell, nicht automatisch parteipolitisch.

Besonders wirksam sind Organisationen dort, wo sie Menschen über viele Lebensphasen begleiten:

Religionsunterricht, Moscheebesuch, Jugendgruppen, Ferienangebote, Wohnheime, Hilfsorganisationen, Pilgerreisen, Ehe- und Familienkontakte, Medien sowie Unternehmernetzwerke können ein geschlossenes soziales Milieu entstehen lassen.

Für viele Mitglieder bedeutet dies Gemeinschaft, soziale Unterstützung und religiöse Orientierung.

Gleichzeitig entstehen Risiken, wenn eine Gemeinschaft so geschlossen wird, dass externe gesellschaftliche Kontakte zurückgehen, interne Autoritäten kaum noch kritisiert werden können oder religiöse Loyalität wichtiger wird als persönliche Entscheidungsfreiheit.

Diese Gefahr besteht allerdings grundsätzlich bei stark abgeschlossenen religiösen oder ideologischen Organisationen – unabhängig davon, ob sie islamisch, christlich oder politisch geprägt sind.

Welche Risiken könnte Deutschland sehen?

Aus deutscher sicherheitspolitischer Perspektive sind hauptsächlich fünf Bereiche relevant:

Erstens: mangelnde Transparenz. Wenn religiöse, wirtschaftliche und soziale Strukturen miteinander verbunden sind, muss nachvollziehbar bleiben, wer entscheidet und wohin Gelder fließen.

Zweitens: Abhängigkeit von religiösen Autoritäten im Ausland. Entscheidungen aus der Türkei können dadurch unmittelbar Auswirkungen auf deutsche Gemeinden haben.

Drittens: gesellschaftliche Abschottung. Besonders intensive Binnenstrukturen können parallele soziale Räume entstehen lassen.

Viertens: politische Mobilisierung. Religiöse Autorität könnte theoretisch eingesetzt werden, um Wahlentscheidungen oder gesellschaftspolitische Positionen zu beeinflussen.

Fünftens: inner-türkische Konflikte auf deutschem Boden. Machtkämpfe zwischen religiösen oder politischen Lagern aus der Türkei können innerhalb der Diaspora weitergeführt werden.

Der Streit innerhalb von Menzil zeigt beispielsweise, dass ein Führungswechsel in der Türkei unmittelbar Konflikte in Deutschland erzeugen kann.

Warum beobachtet der Verfassungsschutz nicht jede dieser Organisationen?

Der Verfassungsschutz darf eine Organisation nicht allein deshalb beobachten, weil sie konservativ, streng religiös, politisch umstritten oder wirtschaftlich mächtig ist.

Entscheidend sind tatsächliche Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung oder andere gesetzlich definierte Schutzgüter.

Genau deshalb gibt es Unterschiede.

Die Grauen Wölfe beziehungsweise Ülkücü-Bewegung werden vom Verfassungsschutz ausdrücklich dem türkischen Rechtsextremismus zugerechnet. Der aktuelle Bundesbericht beschreibt bei Teilen der Szene unter anderem rassistische und antisemitische Positionen sowie teilweise erhebliches Gewaltpotenzial. (Bundesamt für Verfassungsschutz⁠)

Bei İsmailağa besteht bereits eine sicherheitsbehördliche Einordnung im Umfeld von Milli Görüş. (Bundesamt für Verfassungsschutz⁠)

Menzil dagegen war nach öffentlichen Angaben zumindest bislang kein eigenständiges bundesweites Beobachtungsobjekt. Das BfV erklärte gegenüber DW, keine entsprechenden strukturellen Daten zu Mitgliedern, Lehre oder Organisationsumfang zu erheben.

Auch VIKZ/Süleymancılar erscheint im aktuellen öffentlich zugänglichen Bundes-Verfassungsschutzbericht nicht in der Liste der islamistischen Beobachtungsobjekte. Dort werden beispielsweise Milli Görüş, Muslimbruderschaft, Hizb ut-Tahrir, Furkan-Bewegung, Türkische Hizbullah und weitere Organisationen aufgeführt. (Bundesamt für Verfassungsschutz⁠)

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Behörden keinerlei Erkenntnisse sammeln oder einzelne Vorgänge nicht prüfen.

Auch bei DITIB ist eine Differenzierung notwendig

Die häufig vertretene Aussage, DITIB werde als gesamte Organisation dauerhaft vom Verfassungsschutz beobachtet, ist in dieser Form zu pauschal.

DITIB geriet insbesondere nach dem Putschversuch von 2016 wegen Vorwürfen in den Fokus, einzelne Imame hätten Informationen über mutmaßliche Gülen-Anhänger gesammelt. Der Bundesverfassungsschutz berichtete über entsprechende Vorgänge und die Rolle der türkischen Religionsbehörde Diyanet. (Bundesamt für Verfassungsschutz⁠)

Das ist jedoch nicht dasselbe wie die Einstufung des gesamten Verbandes als extremistisches Beobachtungsobjekt.

Auch Landesbehörden differenzieren hier. So erklärte etwa die rheinland-pfälzische Landesregierung ausdrücklich, DITIB sei dort kein Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes.

Nutzt Deutschland diese Gemeinschaften gegen Ankara?

Für diese weitreichende These gibt es nach Auswertung der zugänglichen Quellen keine belastbaren Belege.

Es existieren keine öffentlich nachgewiesenen Hinweise darauf, dass Bundesregierung, Bundesnachrichtendienst oder Verfassungsschutz Menzil, İsmailağa oder Süleymancılar systematisch finanzieren, steuern oder als Instrument gegen die türkische Regierung einsetzen.

Solche Behauptungen müssten durch Dokumente, Gerichtsverfahren, parlamentarische Untersuchungen oder andere überprüfbare Beweise gestützt werden.

Ohne solche Belege wäre es journalistisch falsch, aus Kontakten zwischen Behörden, Religionsgemeinschaften und Vereinen eine geheimdienstliche Zusammenarbeit abzuleiten.

Interessanterweise dokumentiert der Bundesverfassungsschutz dagegen umfangreich Aktivitäten türkischer Nachrichtendienste in Deutschland. Als wichtige Ziele türkischer Aufklärung nennt das BfV unter anderem die PKK und die Gülen-Bewegung. Deutschland bleibe für türkische Dienste wegen der großen türkischstämmigen Bevölkerung ein wichtiges Operationsgebiet. (Bundesamt für Verfassungsschutz⁠)

Ist ein Vergleich mit der Gülen-Bewegung möglich?

Nur eingeschränkt.

Organisatorische Gemeinsamkeiten existieren durchaus:

Religiöse Führungsfiguren, Bildungsaktivitäten, Unternehmernetzwerke, soziale Einrichtungen und internationale Strukturen spielen sowohl bei der Gülen-Bewegung als auch bei manchen anderen türkischen Religionsgemeinschaften eine Rolle.

Die Gülen-Bewegung erreichte jedoch eine vollkommen andere internationale Größenordnung.

Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt wurden ihr Netzwerke in weit über 100 Staaten mit Schulen, Bildungszentren, Medienunternehmen, Unternehmervereinen und Dialogorganisationen zugerechnet. Auch in Deutschland entstanden zahlreiche Bildungsvereine.

Nach dem Bruch zwischen Erdoğan und Gülen 2013 und insbesondere nach dem gescheiterten Putsch von 2016 betrachtet die türkische Regierung die Bewegung als zentrale Bedrohung. Der deutsche Verfassungsschutz wiederum dokumentiert seit Jahren, dass türkische Nachrichtendienste Gülen-Strukturen in Deutschland intensiv aufklären. (Bundesamt für Verfassungsschutz⁠)

Für eine vergleichbare staatliche Unterwanderung der Türkei durch Menzil, İsmailağa oder Süleymancılar liegen öffentlich derzeit keine entsprechenden Nachweise vor.

Das eigentliche Problem: Zwischen Religionsfreiheit und notwendiger Transparenz

Die entscheidende Frage für Deutschland dürfte deshalb weniger lauten: „Sind diese Gemeinschaften für oder gegen Erdoğan?“

Wichtiger ist:

Sind ihre Finanzen transparent?

Wer kontrolliert Immobilien und Unternehmen?

Wie werden Führungspersonen bestimmt?

Welche Weisungsbefugnisse besitzen religiöse Autoritäten aus der Türkei gegenüber deutschen Vereinen?

Wie werden Kinder und Jugendliche innerhalb der Organisationen betreut?

Existieren interne Kontrollmechanismen?

Und werden politische oder gesellschaftliche Entscheidungen der Anhänger beeinflusst?

Bei einer Gemeinschaft mit einigen Dutzend Anhängern wären diese Fragen weniger bedeutend. Bei Netzwerken mit Hunderten Einrichtungen, Millioneninvestitionen und europaweiten Kontakten erhalten sie jedoch politische Relevanz.

Fazit

Menzil, İsmailağa und Süleymancılar bilden keine einheitliche Front. Ihre Strukturen, Ideologien und Beziehungen zum türkischen Staat unterscheiden sich erheblich.

Menzil verfügt über ein international vernetztes religiös-wirtschaftliches Umfeld, tritt in Deutschland jedoch relativ zurückhaltend auf.

İsmailağa ist wesentlich kleiner und weniger institutionell sichtbar, wird aber – entgegen der Annahme, sie befinde sich außerhalb des Sicherheitsradars – bereits seit Jahren im deutschen Verfassungsschutzkontext betrachtet.

Der VIKZ und das Süleymancılar-Umfeld besitzen mit rund 300 Gemeinden die stärkste sichtbare institutionelle Infrastruktur der drei untersuchten Netzwerke in Deutschland. Die derzeitigen strafrechtlichen Ermittlungen gegen Teile der Führung in der Türkei erhöhen den öffentlichen Druck, die internationalen Finanzverbindungen genauer zu betrachten – ohne deutsche Vereine pauschal unter Verdacht zu stellen.

Für die Behauptung, Deutschland oder deutsche Nachrichtendienste würden diese Gemeinschaften gezielt als Instrument gegen die Regierung in Ankara aufbauen, gibt es bislang keine belastbaren öffentlichen Beweise.

Gerade deshalb wäre ein transparenterer Umgang sinnvoll: Religionsfreiheit und Vereinsfreiheit müssen geschützt werden – gleichzeitig sollten große grenzüberschreitende religiöse Netzwerke unabhängig davon, ob sie regierungsnah, regierungskritisch oder politisch neutral auftreten, hinsichtlich Finanzierung, Führungsstruktur und ausländischer Einflussnahme nach denselben rechtsstaatlichen Maßstäben beurteilt werden.

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