
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wirft dem russischen Staatschef Wladimir Putin vor, den Dritten Weltkrieg faktisch bereits ausgelöst zu haben. Der einzige Weg, ihn zum Einlenken zu bewegen, bestehe in massivem militärischem und wirtschaftlichem Druck.
In einem Interview mit der BBC in der ukrainischen Hauptstadt Kiew äußerte sich Selenskyj ausführlich zum Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Er betonte, Putin habe mit seinem Angriffskrieg eine globale Eskalation in Gang gesetzt.
„Ich glaube, dass Putin den Krieg bereits begonnen hat. Die eigentliche Frage ist, wie viel Territorium er erobern kann und wie wir ihn stoppen können. Russland will der Welt einen anderen Lebensstil aufzwingen und das Leben der Menschen verändern, das sie selbst gewählt haben“, sagte Selenskyj.
„Wir werden diesen Krieg nicht verlieren“
Der Präsident zeigte sich überzeugt, dass die Ukraine den Krieg nicht verlieren werde, da sie für ihre Unabhängigkeit kämpfe. „Putin heute zu stoppen und ihn daran zu hindern, die Ukraine zu besetzen, wäre ein Sieg für die gesamte Welt. Denn er wird sich nicht mit der Ukraine zufriedengeben“, erklärte er.
Auf die Frage, ob ein Sieg zwangsläufig die vollständige Rückeroberung aller besetzten Gebiete bedeute, antwortete Selenskyj:
„Ja, das werden wir tun. Das ist ganz klar – es ist nur eine Frage der Zeit. Wenn wir das heute versuchten, würden Millionen Menschen ihr Leben verlieren. Die russische Armee ist sehr groß, und wir wissen, welchen Preis solche Schritte haben.“
Er verwies darauf, dass die Ukraine nicht über ausreichende personelle und militärische Ressourcen verfüge, um sofort alle Gebiete zurückzuerobern. „Was nützt ein Land ohne Menschen? Ehrlich gesagt: gar nichts“, sagte er. Zudem sei die militärische Unterstützung durch internationale Partner entscheidend.
Die Rückkehr zu den international anerkannten Grenzen von 1991 – dem Jahr der ukrainischen Unabhängigkeit – sei nicht nur ein militärischer Erfolg, sondern eine Frage der Gerechtigkeit. „Der Sieg der Ukraine ist die Verteidigung unserer Unabhängigkeit und die Wiederherstellung der Gerechtigkeit für die ganze Welt“, betonte Selenskyj.
Reaktion auf Trump-Vorwürfe
Auf frühere Aussagen von Donald Trump, der ihn als „Diktator“ bezeichnet und ihm die Verantwortung für den Krieg zugeschrieben hatte, reagierte Selenskyj knapp:
„Ich bin kein Diktator und habe diesen Krieg nicht begonnen.“
Auf die Frage, ob man Trump im Falle einer möglichen Rückkehr ins Weiße Haus vertrauen könne, erklärte Selenskyj: „Es geht nicht nur um Präsident Trump, sondern um die Vereinigten Staaten insgesamt. Präsidenten sind nur für eine bestimmte Zeit im Amt. Wir sprechen jedoch von Sicherheitsgarantien für 30 Jahre. Politische Eliten und Führungspersönlichkeiten wechseln.“
Debatte um Wahlen in Kriegszeiten
Selenskyj äußerte sich auch zu Forderungen, die Ukraine solle bis zum Sommer allgemeine Wahlen abhalten. Sicherheitsgarantien müssten zunächst geklärt werden, bevor über Wahlen entschieden werden könne, sagte er. Ob er erneut kandidieren werde, ließ er offen: „Ich könnte kandidieren, ich könnte es aber auch nicht.“
Er verwies auf erhebliche praktische und politische Herausforderungen: Millionen Ukrainer befänden sich im Ausland, große Teile des Staatsgebiets seien von Russland besetzt. Unter solchen Bedingungen freie und faire Wahlen zu organisieren, sei schwierig.
„Wenn es notwendig ist, um diesen Krieg zu beenden, dann werden wir es tun“, sagte Selenskyj. Zugleich forderte er klare Positionen von internationalen Partnern:
„Ihr bringt das Thema Wahlen immer wieder zur Sprache. Ich habe zu unseren Partnern gesagt: Entscheidet euch – wollt ihr mich loswerden oder wollt ihr Wahlen? Wenn ihr Wahlen wollt, dann macht sie fair, sodass das ukrainische Volk sie anerkennt – und akzeptiert auch ihr das Ergebnis als legitim.“
von: Johannes Krüger




