
Sie nennen sich „Daltonlar“ – angelehnt an die berüchtigten Dalton-Brüder aus den Lucky-Luke-Comics. Doch hinter dem fast harmlos klingenden Namen verbirgt sich laut europäischen Ermittlungsbehörden ein internationales Netzwerk aus organisierter Kriminalität, Gewalt und Einschüchterung. Die sogenannten „Daltons“ gelten inzwischen als eine der aggressivsten neuen Unterweltstrukturen mit Ursprung in der Türkei und Verbindungen bis nach Deutschland, Italien, Griechenland und in den Balkanraum.
Besonders in Berlin beobachten Sicherheitsbehörden seit einigen Jahren verstärkt Aktivitäten türkischer Unterweltgruppen. Dabei fällt immer häufiger der Name einer Organisation, die sich laut Ermittlern durch extreme Gewaltbereitschaft, internationale Vernetzung und eine neue Form digital inszenierter Straßenmacht auszeichnet.
Ursprung in der Türkei: Vom Straßenmilieu zur internationalen Unterweltstruktur
Nach Erkenntnissen türkischer Ermittler entstand die Gruppierung ursprünglich in Istanbul. Der Name „Daltonlar“ etablierte sich im türkischen Unterweltmilieu zunächst als Bezeichnung für bewaffnete Straßengruppen, die sich durch ihre rücksichtslose Vorgehensweise einen Namen machten.
Im Zentrum vieler Ermittlungen steht der mutmaßliche Mafia-Anführer Barış Boyun. Türkische Behörden werfen ihm vor, aus verschiedenen kriminellen Gruppen ein internationales Netzwerk aufgebaut zu haben. Medienberichte beschreiben die Struktur als moderne Form organisierter Kriminalität: flexibel, zellenartig organisiert und grenzüberschreitend aktiv.
Die Organisation soll laut Ermittlungen vor allem in sozial schwächeren Stadtteilen rekrutiert haben. Viele junge Männer seien über das Straßenmilieu, über soziale Medien oder über bestehende Clan- und Freundschaftsnetzwerke angeworben worden.
Berlin im Fokus der Ermittler
Auch in Deutschland, insbesondere in Berlin, rückten die Daltons zunehmend in den Fokus von Polizei und Verfassungsschutz. Ermittler berichten über Kontakte in die Gastronomie-, Shisha- und Nachtclubszene. Immer wieder soll es zu Einschüchterungen, Schutzgeldforderungen und Konflikten mit rivalisierenden Gruppen gekommen sein.
Nach Angaben deutscher Sicherheitsbehörden handelt es sich dabei jedoch nicht um eine klassische Berliner Großfamilie wie den Remmo- oder Miri-Clan. Vielmehr werde das Netzwerk als internationale Gewalt- und Mafia-Struktur eingeordnet, deren Mitglieder häufig zwischen verschiedenen europäischen Ländern pendeln.

Motorrad-Attentate, Waffen und Auftragsmorde
Die Liste der Straftaten, die türkische und europäische Ermittler dem Netzwerk zuschreiben, ist lang. Dazu zählen laut Behörden:
- bewaffnete Angriffe,
- Schießereien,
- Schutzgelderpressung,
- Waffenhandel,
- Drogenhandel,
- Brandanschläge,
- Auftragsmorde,
- Geldwäsche,
- internationale Schmuggelstrukturen.
Besonders gefürchtet sind laut Ermittlungsakten sogenannte Motorrad-Attentate. Dabei nähern sich bewaffnete Täter ihren Zielpersonen auf Motorrädern und feuern aus nächster Nähe. Diese Methode wurde in der Türkei in den vergangenen Jahren mehrfach mit rivalisierenden Unterweltgruppen in Verbindung gebracht.
Die neue Generation der Mafia
Sicherheitsbehörden sprechen inzwischen von einer „neuen Generation organisierter Kriminalität“. Anders als traditionelle Mafia-Strukturen operieren Gruppen wie die Daltons deutlich moderner und digitaler.
Über Plattformen wie TikTok, Instagram oder Telegram inszenieren sich Mitglieder teilweise offen mit Luxusautos, Goldschmuck, Sturmgewehren oder Motorrädern. Experten sehen darin nicht nur Selbstdarstellung, sondern gezielte Machtdemonstration und Rekrutierung junger Anhänger.
Die Gruppen versuchen laut Ermittlern, ein Image von Unantastbarkeit und Straßenmacht aufzubauen – besonders unter Jugendlichen mit Perspektivlosigkeit oder sozial schwierigen Lebensverhältnissen.
Warum die Behörden Schwierigkeiten haben
Obwohl es bereits zahlreiche Festnahmen, internationale Haftbefehle und Großrazzien gegeben hat, bleibt die Bekämpfung solcher Netzwerke schwierig.
Ein zentrales Problem ist die internationale Struktur. Die Gruppen operieren gleichzeitig in mehreren Ländern und nutzen unterschiedliche Identitäten, verschlüsselte Kommunikation und Strohmänner. Viele Mitglieder seien zudem nur lose miteinander verbunden, wodurch einzelne Festnahmen die Gesamtstruktur kaum beschädigen.
Hinzu kommt die Angst vieler Opfer. Unternehmer oder Gastronomen, die bedroht oder erpresst werden, kooperieren aus Furcht vor Vergeltung oft nicht mit den Behörden.
Spur führt nach Italien
Der mutmaßliche Kopf der Organisation, Barış Boyun, soll sich zeitweise in Italien aufgehalten haben. Dort geriet er in den Fokus italienischer Ermittlungsbehörden. Türkische Behörden bemühten sich wiederholt um internationale Zusammenarbeit und Auslieferungsverfahren.
Offizielle Angaben über seinen aktuellen Aufenthaltsort machen die Behörden aus Sicherheitsgründen meist nicht öffentlich.
Internationale Vernetzung bis in den Balkan
Ermittler vermuten Verbindungen der Daltons zu weiteren kriminellen Netzwerken in:
- der Türkei,
- Deutschland,
- Griechenland,
- Italien,
- Frankreich,
- den Niederlanden,
- und mehreren Balkanländern.
Dabei soll es laut Sicherheitskreisen unter anderem um Waffenbeschaffung, Drogentransporte und Geldwäsche gehen.
Europas Sicherheitsbehörden schlagen Alarm
Die zunehmende Gewaltbereitschaft türkischer Unterweltgruppen beschäftigt inzwischen auch europäische Sicherheitsbehörden. Experten warnen davor, dass sich moderne Mafia-Strukturen immer stärker internationalisieren und klassische Grenzen zwischen Straßenbanden, Clanmilieus und organisierter Kriminalität verschwimmen.
Besonders problematisch sei laut Ermittlern die Mischung aus:
- extremer Gewalt,
- digitaler Rekrutierung,
- internationaler Mobilität,
- und wirtschaftlicher Tarnung durch legale Geschäfte.
Die sogenannten „Daltons“ stehen damit sinnbildlich für eine neue Form transnationaler organisierter Kriminalität, die Sicherheitsbehörden in ganz Europa zunehmend herausfordert.




